Interview mit Dr. Ingo Wiedemeier

Interview mit Dr. Ingo Wiedemeier

Jetzt Pendler in die Bankenmetropole

Sparkassen-Chef Dr. Ingo Wiedemeier zieht vor seinem Wechsel nach Frankfurt Bilanz

Hanau – Schon Wochen vor dem Wechsel pendelt Dr. Ingo Wiedemeier regelmäßig von Hanau nach Frankfurt. „Es gibt vor der offiziellen Amtsübernahme einiges an Übergaben zu leisten“, sagt der 49-Jährige. In wenigen Wochen wird der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Hanau Chef des viermal größeren Frankfurter Instituts. Anlass genug, um im Gespräch mit unserer Zeitung eine persönliche Bilanz zu ziehen.

Der gebürtige Ostwestfale, verheirateter Vater zweier Kinder, lebt bereits über zwei Jahrzehnte in der Stadt an Main und Kinzig. Solange arbeitet er auch schon für die Sparkasse Hanau. Und die Familie fühlt sich hier wohl, hat Freunde und Anschluss gefunden. Deshalb bleiben die Wiedemeiers auch nach dem Jobwechsel in Hanau wohnen. „Aufgrund meiner Funktion habe ich zahlreiche Kontakte geknüpft. Viele Freundschaften sind entstanden, die durch den beruflichen Wechsel sicher nicht belastet werden. Da die Familie in Hanau arbeitet und zur Schule geht, werden wir Teil der Stadtgesellschaft bleiben. Außerdem betreibt die Fraspa eine große Filiale in der Nürnberger Straße, die zurzeit saniert wird, sodass auch enge berufliche Bindungen bleiben. Das Rhein-Main-Gebiet ist eine ökonomisch zusammenhängende Region – die Übergänge zu den einzelnen Städten und Gemeinden sind fließend“, meint der 49-Jährige.

Wenn er seine Zeit in Hanau Revue passieren lässt, fallen ihm spontan zwei Ereignisse ein: die Jahr-2000-Umstellung in Verbindung mit den damaligen technischen Herausforderungen sowie die Einführung des Euro-Bargeldes am 1. Januar 2002. „Dies waren größere Projekte, die mit großem zeitlichen Vorlauf gestartet sind und erhebliche personelle Ressourcen gebunden haben“, erinnert sich Wiedemeier.
Besonders positiv in Erinnerung geblieben sind ihm eine Betriebsfahrt der Sparkasse nach Dresden im Jahr 2006 und das 275-jährige Jubiläum der Sparkasse Hanau 2013, „das wir zum Anlass genommen haben, die Historie der Sparkasse zu dokumentieren, unter anderem die Jubiläumsausstellung auf dem Bürgerfest“. Außerdem gab es viele weitere Betriebsveranstaltungen und -feiern, an die er sich gerne erinnert.
Und wie steht es um Erinnerungen im negativen Sinn? Da fällt ihm spontan der 11. September 2001 ein. „Wir waren gerade in einer Vorstandssitzung, als uns die Nachricht von dem grausamen Anschlag überraschte.“

Für sein Wirken als Vorstandsvorsitzender, das bescheinigte ihm unlängst auch Sparkassen-Verwaltungsratsvorsitzender Claus Kaminsky, bekommt Wiedemeier durchweg gute Noten. „Sehr zufrieden“ stimmt ihn auch selbst das Erreichen seiner vor fünf Jahren gesetzten quantitativen Ziele für 2020. „Die Ziele von 100000 Privatgirokonten und 20000 Depots haben wir erreicht.
Dies alles war nur möglich durch das Engagement unserer Mitarbeiter sowie auf Basis der Grundlagen, die meine Vorgänger Herr Merz und Herr Restani gelegt haben und auf die nun mein Nachfolger, Herr Braun, aufbauen kann“, sagt der scheidende Vorstandsvorsitzende. Das Sparkassen-Geschäft hat Wiedemeier dabei von der Pike auf gelernt. Zinsentwicklung, Immobilienpreise oder die EZB-Politik sind Themen, mit denen der promovierte Betriebswirt seine Gesprächspartner engagiert und mit großer Sachkenntnis fesseln kann.

Für Anleger, die nach einem klassischen Hafen für ihr Erspartes suchen, hat er aber keine gute Prognose: „Der Zins bleibt auf absehbare Zeit abgeschafft. Ich rechne damit, dass die Zinsen in den kommenden sechs bis sieben Jahren noch im negativen Bereich verharren und erst danach die Nulllinie überschreiten werden. Dies zeigen die aktuellen Forward-dKurse, dass bedeutet Preise für Finanzwerte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft gekauft oder verkauft werden.“

Und wie legt der Sparkassen-Chef in solchen Zeiten sein eigenes Erspartes an? „Einen Teil lege ich über Fondssparpläne in Investmentfonds an, die über verschiedene Branchen breit streuen. Darüber hinaus investiere ich in solide DAX-Titel mit einer stabilen Dividende“, sagt der Experte. Generell hält es Wiedemeier für wichtig, Geld zu sparen – ob als Altersvorsorge, für  den Kauf einer Immobilie und für andere Anschaffungen oder Modernisierungen. Wer aber ertragreich Geld anlegen wolle, müsse heutzutage umdenken. Das klassische Sparbuch habe bei der anhaltenden EZB-Negativzinspolitik ausgedient. Wer langfristig Vermögen aufbauen oder erhalten wolle, komme an Wertpapieren nicht vorbei.

Wer regelmäßig eine feste Summe in einen Fonds investiere, kaufe in guten Börsenphasen, wenn die Kurse sehr hoch seien, automatisch nur wenige Anteile. In weniger guten Börsenzeiten mit niedrigen Aktienkursen erhalte der Anleger dagegen für die gleiche Summe viel mehr Anteile, wirbt Wiedemeier für die Anlage in Aktien. Im Ergebnis erziele der Anleger dabei einen attraktiven durchschnittlichen Kaufkurs. Mit dieser Methode profitiere er sogar von Kursschwankungen am Aktienmarkt und müsse diese damit auch nicht fürchten.

Persönlicher Kontakt als Wettbewerbsvorteil

INTERVIEW Dr. Ingo Wiedemeier setzt auf die Kraft von Rhein-Main und glaubt an Zukunft des Sparkassenmodells

Herr Dr. Wiedemeier, die Zinsmargen, von denen Banken und Sparkassen leben, sind aufgrund der EZB-Politik weggebrochen. Als weiteres Erschwernis kamen umfangreiche Orga- und Strukturänderungen durch das Corona-Virus hinzu. Wie hat sich das auf die Sparkasse Hanau ausgewirkt?

Die Sparkasse Hanau ist ein sehr gut aufgestelltes Haus. Das Eigenkapital wurde in den vergangenen Jahren aus den Jahresergebnissen – trotz der Ausschüttungen an die Träger – erheblich gestärkt und beläuft sich mittlerweile auf über 500 Millionen Euro. Zudem konnten wir unser Kundengeschäft stetig ausbauen. Darüber hinaus haben wir unsere Kosten im Griff, was sich in einer niedrigen Kosten-Ertrags-Relation von aktuell rund 65 Prozent niederschlägt. Das heißt, wir wenden 65 Cent auf, um einen Euro zu verdienen. Damit liegt die Sparkasse Hanau im Vergleich zu allen hessischen Instituten auf einem Spitzenplatz. Entscheidend ist, dass die Sparkasse Hanau im Vertrieb gut positioniert ist mit Fachmärkten wie Firmen- und Gewerbekundengeschäft auf der einen Seite und breites Privatkundengeschäft auf der anderen Seite. So ist es uns mit dieser Ausrichtung gelungen, das Wertpapiergeschäft weiter auszubauen, neue Geschäftsfelder wie das Generationenmanagement zu erschließen oder digitale Angebote deutlich auszuweiten. Dies hat sich besonders während der Corona-Pandemie bewährt, als die Kunden verstärkt unsere Video-Beratung oder Online-Angebote genutzt haben.

Welche generellen Veränderungen in der Sparkassen-Landschaft erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Unser gesamtes Umfeld verändert sich vor allem durch die Digitalisierung rasant und immer schneller. Das macht auch vor der Sparkasse Hanau nicht halt. Deshalb haben wir uns Ziele gesetzt, um uns frühzeitig darauf einzustellen und das Geschäftsmodell nachhaltig weiterzuentwickeln. Ich bin überzeugt, dass wir als die regionale Multikanalbank mit einer sehr hohen Beratungskompetenz auch in Zukunft einen wichtigen Mehrwert für die Menschen, Unternehmen und Kommunen in unserer Region bieten werden. Der persönliche Kontakt vor Ort wird dabei nach wie vor ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für uns sein. Dafür haben wir uns mit unserer derzeitigen Geschäftsstellenstruktur schon gut aufgestellt. Die Geschäftsstelle als Synonym für den persönlichen Kontakt vor Ort gehört für mich zur DNA einer Sparkasse. Sicherlich werden sich aber sowohl die Anzahl als auch das in den Geschäftsstellen vorgehaltene Dienstleistungs- und Beratungsangebot weiter verändern. Ein Beispiel dafür ist das digitale Beratungscenter für Privat- und Geschäftskunden, das die Sparkasse Hanau im vergangenen Jahr implementiert hat.

Was werden die größten Herausforderungen sein?

Mit zu der größten Herausforderung gehört die Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Das Hauptinstrument, um hier gegenzusteuern, ist mehr Geschäft, vor allem neues Geschäft. Mit ein wichtiger Ergebnisbringer ist das Kreditgeschäft. Wir leben in einer prosperierenden Region, deren Bevölkerungszahl wächst. Deshalb spielt der Immobilienmarkt eine wichtige Rolle. Die Sparkasse Hanau zählte schon immer die Immobilienfinanzierung zu ihren Kerngeschäftsfeldern.

Sehen Sie im Immobiliengeschäft weitere Chancen für das Hanauer Institut?

Wir haben gute Chancen, hier weiteres Wachstum zu generieren. Wir wachsen derzeit so stark wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Nichtsdestotrotz ist die Erschließung neuer Geschäftsfelder immer ein Thema, nicht nur in Zeiten niedriger Zinsen. Von den Geschäftsfeldern her sind wir sehr breit aufgestellt. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren das Angebot für unsere Kunden ständig ausgeweitet. Beispielsweise durch Investitionen in eigene Maklertätigkeiten im wohnwirtschaftlichen und gewerblichen Immobilienbereich, den Aufbau unseres Generationenmanagements mit den Themen Erben und Vererben, die Gründung eines Bereichs Private Banking und damit einhergehend der Ausbau des Wertpapiergeschäfts. Die genannten Bereiche haben aber alle noch weiteres Entwicklungspotenzial und werden so auch dazu beitragen, die schwierige Situation im Zinssektor zu kompensieren.

Ist das Sparkassenmodell in Zeiten von Negativzinsen noch zukunftsfähig?

Das Sparkassenmodell ist mittlerweile bereits über 200 Jahre alt. Die im hessischen Sparkassengesetz und in unserer Satzung verankerten Aufgaben und Ziele sind aus meiner Sicht jedoch auch heute noch aktuell: Versorgung aller Bevölkerungskreise mit geld- und kreditwirtschaftlichen Leistungen, Förderung des Sparsinns und der Vermögensbildung, Stärkung des Wettbewerbs, Wirtschaftserziehung der Jugend, Unterstützung der Kommunen. Es ist nun an uns – den Verantwortlichen der Sparkasse, aber auch den Privatpersonen, den Unternehmen und den Kommunen in unserem Geschäftsgebiet – unter Beweis zu stellen, dass Sparkassen weiterhin eine Daseinsberechtigung haben und insofern die erfolgreiche Drei-Säulen-Struktur im deutschen Bankwesen auch weiterhin fortbestehen kann. Letztlich entscheiden aber die Verbraucher und unsere Kunden hierüber. Ich persönlich bin vom Sparkassenmodell überzeugt und glaube, dass die Sparkasse Hanau auch in Zukunft durch effiziente Prozesse und kluge Entscheidungen erfolgreich am Markt agieren kann. Die Sparkassen finanzieren Projekte und reale Güter, und zwar vor Ort, in ihrem Geschäftsgebiet. Ein Beispiel sind die Corona-Hilfen für Unternehmen und Selbstständige. Da die Herausforderungen für die Kundenberaterinnen und -berater extrem hoch waren, haben wir die personellen Ressourcen weiter ausgebaut und entsprechende Mehrarbeit, beispielsweise in der Kreditabteilung, geleistet.

Das Gespräch führte Robert Göbel, Foto: Mike Bender. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Hanauer Anzeigers.